Donnerstag, 26. Februar 2015

XXX (18.02. - 26.02.15)

Kung Shee Fat Choy,


Die Sino-Mauritier feiern das neue Jahr mit
Räucherstäbchen...
Es tut uns herzlich leid, doch dieser Blogeintrag muss wirklich drei- bis fünffache Überlänge haben! In der vergangenen Woche seit Shivatree sind wir aus dem Stauen nicht mehr rausgekommen. Die Bilder, die sich seitdem aufgetürmt haben, können und wollen wir euch nicht vorenthalten…


Vorneweg schon mal die Härte. Ihr erinnert euch sicher an unser Klagen über die horrenden Studiengebühren in den ersten Blogeinträgen. Ausländische Studierende zahlen hier für denselben Unterricht (ohne inkludiertes Busticket) das Zehnfache von Mauritiern. Bei uns machte das pro Person 1€ für jede der 4000 Sorgenfalten die wir, angesichts der unkoordinierten Administration und der unsicheren Anrechnung, auf der Stirn tragen. Zum zweiten Semester wollten wir nun einen Kurs Abwählen. Einmal dürft ihr raten, was dafür die Bedingung ist? Richtig, eine Strafzahlung… Jetzt versuchen wir die Uni mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen – und werden euch auf dem Laufenden halten.


... und vielen Chinakrachern
Der erste erfreuliche Stopp führte uns am Donnerstag dann nach Port Louis. Im Stadtteil Cassis steht der Kwan Tee Pagoda Tempel, zu dem es uns gemeinsam mit tausenden chinesischstämmigen Mauritiern zog. Kung Shee Fat Choy (Frohes neues Jahr)! Das chinesische Jahr der Ziege begann und es gab viel süßes Gebäck, viele Kerzen und noch viel mehr Räucherstäbchen und China-Böller. Die sino-mauritische Gemeinde führte zu dem an verschiedenen Orten der Insel ihren Lion-Dance, die Choreographie mit dem Drachenlöwen auf. Wir mischten uns unters Volk, blieben allerdings nicht lange unentdeckt. Mehrere Fernsehteams waren vor Ort und erkannten Sarah sofort wieder. Ergebnis: Ein kurzer Plausch auf Kreol und ein weiteres Interview fürs mauritische Fernsehen (HIER geht's zum Video - ab Min 1:08). Kurze Zeit später brannten uns jedoch die Augen von den vielen Räucherstäbchen und wir gingen mit dem zu uns gestoßenen Thornton einen Milchshake, respektive für Magnus einen Kamillentee, trinken.



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Am Freitag fuhren wir wieder nach Port Louis, um endlich Schwung in die Sache mit unserem Visum zu bringen. Da unser Rückflug am 28. Juni geht und das Visum mit Ende des Semesters am 31. Mai ausläuft, wissen wir nicht, ob wir vielleicht hochkant aus dem Land geschmissen werden. Unsere Idee ist nun, die zuständigen Ämter zu überreden, unser Visum bis nach den Nachschreibeklausuren zu verlängern, mit dem Argument, dass wir nicht zum Nachschreiben aus Deutschland erneut einfliegen können. Im sinnflutartigen Regen trugen wir um 5 vor 12 dem Sachbearbeiter unser Anliegen vor, der uns versicherte, dass das kein Problem sei. Anfangs waren wir total happy, aber inzwischen fragen wir uns, ob seine Antwort nicht doch der Vorfreude auf den nahenden Feierabend geschuldet war…



Die kleine Propellermaschine flog uns sicher nach Rodrigues
Und dann kam der Samstag! Drei frühe Vögel machten sich auf in die Vergangenheit. Wir flogen auf die zur Republik Mauritius gehörende östliche gelegene Insel Rodrigues, die wie Mauritius vor über 30 Jahren sein sollte. Nach eineinhalb Stunden Flug erreichten wir das Nest und waren sofort hin und weg. Georgy, Familienoberhaupt der kreolischen Familie in die wir sofort integriert wurden, erwartete uns am Flughäfchen. Mit ihm zusammen ging es quer über die Insel, in das Dörfchen Rivière Banane am ausgetrockneten gleichnamigen Bananenfluss. Eine Handvoll Auto, zwei Hände voll Hütten, drei Hände voll Kreolen und viele Hände voll Ziegen empfingen uns auf einer Insel mit grauenhafter Infrastruktur, aber traumhafter Natur. Einsamkeit, Freundlichkeit, Ruhe. Der perfekte Ort, um alles um einen herum zu vergessen. Einfach nur Genießen!

Mauritius von oben

Die Lagune vor Rodrigues ist teilweise sehr weitläufig

Das Flughäfchen auf Rodrigues
In der Hauptortschaft Port Mathurin
Über die Familie Larose kamen wir sofort an einen Mietwagen: Ein schöner Nissan Pickup mit Allradantrieb. Alles andere wäre hier auch Selbstmord gewesen. Während wir die tolle Aussicht genossen und unser Glück noch nicht fassen konnten, bereitete uns die Familie ein köstliches Frühstück vor. Gestärkt wollten wir nun endlich mehr von der Insel sehen und fuhren ins Hauptstädtchen um dort auf den Markt zu gehen. Man kann Port Mathurin wirklich nur als Städtchen bezeichnen denn nach vier Straßenblocks und dem Markt hat man alles gesehen. Auf der Heimfahrt durch unwegsames Gelände wurden wir gleich von einer Truppe junger Männer zum Geburtstag eingeladen, den sie unter einem Baum feierten. 

Magnus entdeckte anschließend die Gartenarbeit für sich. Beim Wassermelonen gießen ließ er sich die Feldarbeit der Familie erklären. 
Dabei lernte er, dass reife Papaya gegen Magendarmprobleme eingesetzt wird und pflückte kurzerhand zwei gelbe Früchte vom Baum neben dem Haus. Mit etwas Abstand kann man heute sagen, dass das Hausmittel seine volle Wirkung entfaltet hat. Am Abend aßen wir dann zusammen mit Georgy und seiner Frau zu Abend. Es gab ein Schweinekari mit Reis. Das typisch kreolische Essen schmeckte uns allen super gut, sodass wir für den Rest unseres Aufenthaltes die Halbpension nach buchten. Bei einem Glas Rum-Cola mit frischer Zitrone aus dem eigenem Garten ließen wir den Abend ausklingen. 

Blick von der Terrasse

Die Halbpension macht sich sofort bezahlt

Unsere Unterkunft in Rivière Banane

Gut behütete Damen





Eine der beiden Tankstellen auf Rodrigues
Georgy serviert leckere Karis mit Reis
Am Sonntag klingelte der Wecker früh und das wurde direkt belohnt. Nach dem Frühstück konnten wir beobachten, wie immer mehr Männer und Frauen die Ebbe nutzten und zu Fuß mit abgeschnittenen Gummistiefeln und Spießen bewaffnet auf Tintenfischjagd gingen. Wir versuchten sogar ihnen zu folgen, um dabei zuzusehen aber die geübten Jägerinnen und Jäger waren natürlich viel zu schnell, sodass wir auf halber Strecke zwischen Strand und Riff aufgaben. Danach hatten wir noch nicht genug vom Wandern. Während Monika es sich mit ihrem Buch gemütlich machte, wollten wir den östlichsten Punkt der Insel sehen. Nach einer Wanderstrecke von etwa einer halben Stunde erreichten wir eine erste Bucht. Dort sammelten sich schon die ersten Touristen und genossen die Sonne und das türkisfarbene Meer. Nach einer kurzen Pause wanderten wir jedoch weiter über die Berge bis wir an der Bucht Trou d’argent angekommen sind. Der anstrengende Marsch hatte sich wirklich gelohnt, denn wir hatten die Bucht ganz für uns alleine. Sofort stürzten wir uns ins glasklare Wasser und bestaunten die fischreiche Unterwasserwelt. Nach unserem Ausflug holten wir Monika aus der Pension ab und fuhren in eines der wenigen Hotels, die es auf der Insel gibt. Da wir aussehen wie jeder andere Gast, hinterfragte der Mann an der Pforte unseren Besuch auch nicht und öffnete uns die Schranke. In der Poolbar gönnten wir uns dann eine rodrigische Spezialität, nämlich Tintenfischsalat. Zum Abendessen bereitete die Familie einen leckeren frischen Fisch pro Person zu

Alltägliche Tintenfischjagd


Glasklares Wasser lässt den Blick auf die bösen Seeigel zu

Leider etwas bewölkt - sonst wäre das Wasser türkiser


Die Wanderung durch unwegsames Gelände lohnte sich

Rodriguais werden von Mauritiern oft abwertend als
"Kabri Rodrige" (Rodrigische Ziegen) bezeichnet -  bei
diesem süßen Zicklein vielleicht doch eher ein Kompliment!
Unser "Privatstrand" Trou d'argent
Ein frisch gefangener Fisch
Montag ging es wie jeden Tag früh los. Magnus schleppte mit einigen anderen Fischern ein Holzboot ins Meer mit dem uns Neddy zum Aquarium navigierte. Das Aquarium ist ein 5 Meter tiefes Bassin mitten in der Lagune vor Rivière Banane, das aufgrund seiner Tiefe eine absolut atemberaubende Fisch- und Korallenwelt bereithält. Monika schrie vor Glück auf, als sie sich vom Boot ins Wasser plumpsen ließ und auch wir trauten unseren Augen kaum. Es war einfach unbeschreiblich schön. Alle erdenklichen Korallen, Seeanemonen und Fische tummelten sich vor unseren Augen. Es war der Wahnsinn. Auf dem Rückweg wurde es allerdings ungemütlich, denn schwimmend fanden wir uns im flachen Wasser zwischen tausenden Seeigeln wieder. Bei anhaltender Ebbe kamen wir den stacheligen Biestern schon ziemlich nahe, doch glücklicherweise schafften wir es unverletzt an den Strand. Am Nachmittag brachen wir dann zu einer Tour in den Norden der Insel auf. Wieder einmal zeigte sich Rodrigues mit tollen Stränden, vielen farbenfrohen Hütten und unglaublich netten Menschen. Als allerdings gegen Nachmittag eine der beiden Tankstellen der Insel in Brand geriet wurde es eng am Insel-Knotenpunkt und es sammelten sich tatsächlich mehrere Autos an einem Ort! Abends streichelten wir die kleinen Ferkelchen, die unsere Gastfamilie hält und verquatschten uns nach dem Abendessen mit Neddy. Dieser wollte uns als echter stolzer Rodriguais am nächten Tag den Süden seiner Insel zeigen. 

Das hellblaue Aquarium ist deutlich zu sehen
 

Neddy navigierte uns zum Aquarium

Typische bunte Hütten in Rivière Banane




Ein Fischer bereite seine Reusen vor

Folgen von Bansi ?

Diese Jungs luden uns unbekannterweise zum Geburtstag ein





"Schulschluss - Ab anne Bude!"




Typisches Rodrigues
Eine Pirogue schippert durch die Lagune
Nichts als Natur
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Die Fischerinnen mit ihrem Fang
Nachdem wir um 5 Uhr den Sonnenaufgang am Strand sahen, verfolgten wir vor unserer Abfahrt allerdings noch ein anderes Spektakel. Die Fischerinnen des Dorfes schritten mit rankenden Pflanzengirlanden durchs seichte Wasser und fingen mit tollem Teamwork viele kleine Fische. Mit Neddy ging es dann zu einem Sklavenfriedhof im Wald. Dieser wurde vor einiger Zeit entdeckt und zu einer Gedenkstätte umgebaut. Da sie wieder lesen noch schreiben konnten, ritzten die Sklaven für ihre Leidensgenossen Symbole in die Grabsteine, nachdem sie sie begruben. Ein sehr imposanter Ort! Anschließend fuhren wir die Küstenstraße entlang, an Mauern und Häusern aus Korallensteinen und sahen immer und immer wieder die vielen Frauen am Ufer, die tonnenweise Tintenfische ausnahmen und wuschen. Anschließend werden die Tiere zum Trocknen über einen Bügel gespannt und in die Sonne gehängt. Ourite rodriguais ist ein Markenzeichen der Insel und sollte am Abend auch auf unseren Tellern landen. Gegen Mittag erreichten wir die Kathedrale in St. Gabriel. Die größte Kathedrale im indischen Ozean steht mitten im Wald und wurde durch Baustoffspenden der Inselbewohner realisiert. Die 40.000 Rodriguais sind zu über 98 % katholische Kreolen und sehr gläubig, sodass auch die riesige Kirche Sonntag für Sonntag rappelvoll ist. Am „Pa zerom“ einige hundert Meter weiter fließt eine nie versiegende Quelle, deren Wasser heilende Wirkung haben soll. Bisher scheint die Anwendung unsere Beschwerden weitestgehend im Zaum zu halten. Eine Portion Aberglaube gehört natürlich immer dazu!  

Neddy zeigt Sarah den Sklavenfriedhof

Die Sklaven dachten sich für ihre Verstorbenen Symbole aus
Monika lässt die Sau raus


Die verschiedenen Wassertiefen sorgen für eine atemberaubende Färbung

Eine schöne Holzbank lädt zum Ausruhen ein

Die Spinnen sind eine Nummer größer als auf Mauritius





Die Kathedrale in St. Gabriel ist die größte im Indischen Ozean

Das heilige Wasser am Pa Zerom soll heilen können

Eine typische Waschmaschine auf Rodrigues


Typische Tintenfischtrocknung


Sprachaufnahmen in Rivière Banane
Den Nachmittag nutzten wir dann für die Feldforschung. Natürlich sind wir nicht ohne einen akademischen Hintergedanken auf die Insel geflogen. Wir wollten auch das mauritische mit dem rodrigischen Kreol vergleichen können. Um eine Basis zu schaffen entwickelten wir einen kleinen Fragebogen und zogen anschließend mit Neddy durchs Dorf und interviewten die Einwohner. Die meisten waren extrem aufgeregt, doch schließlich gelangen uns gute Aufnahmen, die wir für zukünftige Projekte nutzen können. Auffallend neben der tollen Hilfsbereitschaft und der Schüchternheit der Dorfbewohner, war vor allem die hohe Analphabetenrate. Ein Großteil der interviewten Männer und Frauen konnte nur mit seinen Initialen unterschreiben…

Sarah füttert die Ferkelchen

Hier wird noch richtig geackert

Überall putzen Frauen die frisch gefangenen Tintenfische
Tintenfische können sich farblich an ihren Hintergrund anpassen
Dieses Exemplar ist tot und nur deswegen weißer als Sarah
Der fünfte Tag war leider der Tag des Abschiedes. Das salzige Frühstück mit leckerem Omelette Saucisse Créole sollte unsere letzte typisch rodrigische Mahlzeit sein. Sarah fuhr den dicken Pickup nochmal nach Port Mathurin, wo wir Souvenirs kauften und uns von Neddy eine Behindertenwerkstatt zeigen ließen. Bei Care-co Rodrigues produzieren 15 Menschen mit Behinderungen aus Kokosnussschalen wunderschöne Gebrauchsgegenstände und Schmuck. Außerdem produzieren die Bienen hier einen Honig, der bereits als weltweit bester Honig ausgezeichnet wurde. Die deutsche Auswanderin Birgit Rudolph koordiniert die Werkstatt und zeigte uns die Räumlichkeiten der Einrichtung, die auf jeden Fall in Zukunft noch mehr unterstützt werden sollte!

Kleine Sarah - großes Auto

Bei Care-co Rodrigues, der Behindertenwerkstatt
Sarah, Birgit und zwei Arbeiter


Als Neddy und Georgy uns zusammen zum Flughafen fahren wollten war uns endgültig klar, dass die Beiden uns ins Herz geschlossen hatten. Vielleicht weil wir die ersten europäischen Gäste waren, mit denen sie sich permanent auf Kreol unterhalten konnten? Die Sprache hat uns wieder einmal Tür und Tor geöffnet, denn wir haben andere Einblicke in Dorf und Gemeinschaft bekommen, als uns dies auf Englisch oder Französisch möglich gewesen wäre. Was bleibt sind tolle Erinnerungen und der Wunsch noch einmal wieder zu kommen. Vielleicht auch für neue Sprachaufnahmen…




Bis bald!
Sarah & Magnus


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